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und Kurzgeschichten
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Abenddämmerung oder die blaue Straße
Am liebsten ist mir der Abend, die Dämmerung, sie sagt es so in den Raum hinein, hört er überhaupt zu? Sie sitzen auf der Terrasse, einen Sundowner in der Hand, sehen sie auf die weite Ebene, in der Gräser sich wiegen, endlos, so scheint es, aber nein, das täuscht, denn es ist nur der Bildschirm, der sie in diese Landschaft entführt, aber das mit der Dämmerung stimmt. Sie sitzen auf keiner Terrasse, die gibt es in der kleinen Einzimmerwohnung nicht, aber es gibt große Fenster und sie sieht nun hinaus, in den Abendhimmel, der sich langsam rot und orange und immer dunkler färbt, ein letztes Mal trumpft er auf, bevor er die Welt verlässt, so wie er sie wohl mag, denkt sie, hell, tagsüber, wer weiß das schon, wie fühlt der Himmel, wie fühlen die Elemente, fühlen sie überhaupt, das denkt sie, aber sie leben doch, also müssen sie auch fühlen, das sagt sie nun laut und er weiß nicht, was er damit anfangen soll.
Mereth, sagt er, du denkst zu viel und sie geht zum Fenster, das weit offensteht, mit dem Glas in der Hand, sie sagt nichts. Ein Windstoß fährt herein, wie ein Geist und zerrt an ihren Haaren, weht ein Blatt vom Fensterbrett, rüttelt in den Bäumen vor dem Haus, nein, nicht rütteln, denkt sie, er bauscht sie auf, erfasst den ganzen Blätterwald, der muss sich bewegen so wie er will, ein Gerausche und Sichbiegen, schön sieht das aus.
Karel, sagt sie, hör doch mal, wie das rauscht in den Bäumen, vielleicht gibt es ein Unwetter, aber eigentlich wollte sie das gar nicht sagen, nur das mit dem Rauschen, warum muss sie etwas Vernünftiges hinzufügen, etwas, von dem sie meint, es müsse seine Aufmerksamkeit erwecken? Sie tut es intuitiv, sie fühlt, ohne Erklärung, einfach so, würde er sie nicht verstehen. Er, Karel, schaut kurz auf, sein Blick, der am Bildschirm klebt, muss sich mit Widerstand lösen. Der Bildschirm nimmt die ganze Wand ein und so wird er auch genannt, einfach nur „die Wand“.
Der Alkohol steigt ihr in den Kopf, es ist ihr zweites Glas. Karel sieht weiter auf die Wand, er selber würde es nicht als „auf die Wand sehen“ bezeichnen, denn er ist inzwischen in sie eingetaucht, er ist fast verschwunden in seiner virtuellen Welt. Dreidimensional schwebt sie in den Wohnraum, diese andere Welt, ist überall, nimmt Besitz von dem, was nicht ihres ist. Es gibt so viele Welten, denkt sie, wie sollte man sich da noch zurechtfinden, ohne Sundowner und ohne die kleinen Helfer, die sie morgens und abends und oft auch mittags schluckt, oder sich unter die Haut spritzt oder einfach einatmet oder mit dem Essen in der Kantine zu sich nimmt? Jeder macht das, wie könnte man sonst diese Welt noch ertragen? War sie denn wirklich so schlecht? Sie hatte nie darüber nachgedacht. Warum gerade an diesem Abend?
Mereth steht immer noch am Fenster. Inzwischen ist es Nacht geworden. Sie dreht sich um und sieht in den Raum hinter sich, sieht den Film, der sich dort abspielt und in den Karel eingetaucht ist. Sie nimmt ihr Glas und in einem plötzlichen Anfall schmettert sie es gegen die Wand. Es klirrt. Das ist alles. Karel hat nicht reagiert. Sie sieht ihn kaum, er ist wie verschmolzen mit der Wand. Mereth weiß, bald wird er gehen, er hat - wie so oft - die Mitspieloption gewählt.
Die Hecke
... Ich musste heraus aus meinem Kokon, hinaus vor die Tür. Es war ein warmer Maimorgen, die Sonne schien. Ich öffnete die Tür zur Terrasse. Stille. Immer noch. Aber es war ja auch noch früh am Morgen. Die Hecke, undurchdringlich vor mir ragte sie in den Himmel, höher und höher, so schien es mir. Ich ging zurück in die Wohnung, schloss die Terrassentür. Dann nahm ich meine Strandtasche, packte mein Handy ein, mein Portemonnaie, einen Apfel, meine Zigaretten, mein Tagebuch, einen Stift und ein Tuch. Ich wollte mich an den Strand setzen, etwas schreiben, vielleicht auch ein wenig laufen. Ich trat aus dem Haus auf die Straße. Sie war menschenleer. Ich ging den Weg hinunter zum Meer, auch hier begegnete ich niemandem. Ich sah auch keine Autos, keinen Bus. Ich dachte, es muss wohl doch Streik geben, kein Verkehr, keine Menschen, es war ein seltsames Gefühl, aber doch nicht wirklich beängstigend. Am Strand wieder keine Menschenseele, oder doch, vielleicht gab es Menschenseelen, in einer Parallelwelt, die für mich verschlossen war, unsichtbar. Konnten sie mich sehen? Ich musste an meinen Traum der vergangenen Nacht denken. War ich in diesem Traum in eine Parallelwelt geraten, eine, die ich sehen konnte, aber in der die anderen mich nicht sehen konnten? Bis auf die junge Frau, die ja vielleicht auch nur ich war?
Ich setzte mich auf einen Stein, sah aufs Meer und hörte ihm zu. All die Wesen, die dort schwimmen und wohnen, es war, als würden sie zu mir sprechen. Ich fühlte mich nicht mehr ganz so allein. Nach einer Weile schaute ich mich um und dann plötzlich war es, als würde ich aufwachen und realisieren: hier stimmt etwas nicht. Ich muss nachschauen, mich erkundigen, warum diese Menschenleere, diese Stille …
Ich ging zum nächsten Supermarkt. Es war ein kleiner Supermarkt und normalerweise ziemlich überfüllt, immer gab es eine Schlange an der Kasse. Ich schaute durch die Glastür, sah aber niemanden. Obwohl ich nicht vorgehabt hatte, einzukaufen, ging ich hinein. Keine Kassiererin, keine Kunden. Da ich nun schon mal da war, nahm ich mir einen Korb, suchte nach einem Rotwein, Käse, einem Baguette und ging dann an die Kasse. Ich wartete eine Weile und schließlich rief ich, allmählich ungeduldig werdend, Kasse bitte, ist da niemand? Als ich keine Antwort bekam, ging ich zu einer Tür, die offenbar zum Lager führte, sie stand offen, ich schaute hinein, rief wieder, hallo, ist da jemand? Aber da war Niemand. Niemand. Ich spürte wie sich eine Art Klammer um meinen Kopf legte, um mein Gehirn, die atemlose Stille war nun auch in mir. Es war unheimlich. [...]
Romanprojekt "Eine Liebesgeschichte"
Stationen einer Liebesgeschichte: Brasilien, Paris, Südfrankreich